ANQ-Day 2026: Eventrückblick
«Was für eine Vielfalt an Gesetzen, Verträgen und Zielsetzungen! Und was für eine anspruchsvolle Aufgabe für die Qualitätsentwicklung, allen Vorgaben gerecht zu werden», so eröffnete ANQ-Präsident Josef Müller am 29. Januar den ANQ-Day 2026 in Bern. «Heute zeigen wir auf, wie die Bestimmungen ineinandergreifen – und wie engagiert Spitäler und Kliniken sie in der Praxis umsetzen.»
Seine Worte waren der Auftakt zu anregenden Referaten und Diskussionen, die den rund 200 Vertreterinnen und Vertretern von Spitälern und Kliniken, Versicherern und Behörden wertvolle Impulse gaben. Auf dieser Seite finden Sie eine Zusammenfassung sowie die zur Publikation freigegebenen Präsentationen. Die Bilder zum ANQ-Day sind in der Fotogalerie aufgeschaltet.
Auf den Punkt gebracht
Die Referentinnen und Referenten beleuchteten unterschiedlichste Aspekte der Qualitätsentwicklung. Was alle Referate deutlich machten:
- Qualität lohnt sich. Das systematische Messen und Verbessern kommt den Patientinnen und Patienten zugute – und bringt auch den Leistungserbringern und den Kostenträgern Vorteile.
- Qualität setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen. Koordination und Kommunikation sind entscheidend, damit die gemeinsamen Bemühungen Wirkung erzielen.
- Qualitätsentwicklung muss im Management verankert sein, um die volle Wirkung zu entfalten. Die zielgruppenspezifische Aufbereitung der Erkenntnisse ermöglicht einen ständigen Lernprozess, der auch die Unternehmenskultur positiv prägt.
Anne Lévy, Direktorin BAG
Ein gemeinsames Ziel
In ihrer Grussbotschaft erläuterte Anne Lévy das Zusammenspiel der verschiedenen Instrumente des Bundes und betonte das gemeinsame Ziel: die Qualitätsverbesserung im Dienst der Patientinnen und Patienten. Dabei verglich sie die Qualitätsstrategie des Bundesrats mit einem Leuchtturm, auf den die Vierjahresziele und die Arbeit der Eidgenössischen Qualitätskommission ausgerichtet sind und der auch den Qualitätsverträgen nach Artikel 58a KVG die Richtung vorgibt. «Behandlung und Pflege sollen sicher und wirksam sein sowie patientenzentriert und integriert erfolgen. An dieser Vision aus der Qualitätsstrategie können Sie sich auf stürmischer See orientieren. Hier sollen die Vorgaben und Auflagen Verbesserungen bringen.»
Dr. Petra Busch, Leiterin Geschäftsstelle ANQ
Messen & Verbessern: die Anfänge
Petra Busch nahm die Anwesenden mit auf eine Zeitreise. 1997 wurde Qualität erstmals im KVG verankert, 2009 gründeten Leistungserbringer und Kostenträger den ANQ. Dies mit dem Ziel, national einheitliche Qualitätsmessungen umzusetzen, um den Spitälern und Kliniken Grundlagen für eigene Verbesserungsmassnahmen zu geben. Für die verbindliche Umsetzung und die Finanzierung brauchte es eine mutige Lösung: den Nationalen Qualitätsvertrag ANQ 2011, der alle Rechte und Pflichten zu den nationalen Qualitätsmessungen regelt und auf Freiwilligkeit setzt. Dieser Mut machte sich bezahlt. Es dauerte weniger als zwei Jahre, bis alle Spitäler und Kliniken, alle Versicherer, alle Kantone sowie das Fürstentum Liechtenstein dem Vertrag beitraten. Die Messinhalte wurden gemeinsam entwickelt, die Auswertungen gemeinsam gestaltet und die Ergebnispublikation gemeinsam verantwortet. «Die Aufbauarbeit war nicht immer einfach. Wir mussten die Wege gestalten, während wir sie beschritten», so Petra Busch. Die Gründung des ANQ und der Nationale Qualitätsvertrag 2011 stiessen vielerorts auf Skepsis. Heute ist klar, dass Leistungserbringer und Kostenträger im ANQ wertvolle Pionierarbeit leisteten.
Messen & Verbessern: heute und in Zukunft
Nationaler Qualitätsvertrag ANQ 2011 und Qualitätsvertrag nach Art. 58 KVG: Weshalb braucht es zwei Verträge und wie sind sie miteinander verknüpft? Diese Fragen beantworteten Linda Hadorn und Manuela Ocaña in ihrem Referat. Der Qualitätsvertrag des ANQ regelt die Qualitätsmessungen und war bereits etabliert, als der Abschluss eines Qualitätsvertrags gemäss KVG verpflichtend wurde. «Deshalb fokussiert der Qualitätsvertrag nach KVG auf das Qualitätsmanagementsystem und die Verbesserung. Für den Bereich ‘Messen’ übernimmt er den Qualitätsvertrag des ANQ», so Manuela Ocaña. Zudem sind über den ANQ auch die Kantone eingebunden, was mit Blick auf die Verteilung der Verantwortlichkeiten sinnvoll ist. Aktuell sind nur 25% der Qualitätsverbesserungsmassnahmen (QVM) mit einer ANQ-Messung verbunden. Künftig sollen die Spitäler und Kliniken die QVM noch besser auf die Messungen abstimmen können. «Sowohl die QVM als auch die Messungen müssen mit diesem Ziel weiterentwickelt werden», betonte Linda Hadorn. «Künftig wollen wir weniger Parallelwelten – und mehr Synergien.»
Barbara Gubler, MPH, Leiterin Qualitäts- und Prozessmanagement Kantonsspital Graubünden (KSGR)
Ein systematischer Ansatz
«Damit Daten in der Organisation wirksam werden können, müssen sie im Managementsystem verankert werden und den jeweiligen Anspruchsgruppen zur Verfügung stehen», ist Barbara Gubler überzeugt. In ihrem Referat schilderte sie, wie das KSGR ein datenbasiertes Qualitäts-, Prozess- und Risikomanagement implementierte und in sein Managementsystem integrierte.
Die erste Evaluation nach der Einführung ergab, dass die Organisation zunehmend systematisch und bereichsübergreifend arbeitet und dass die zentralen Elemente einer modernen Qualitätssteuerung fest in der Unternehmensführung verankert sind. Die Führungskräfte setzen sich aktiv mit Qualitätsfragen auseinander, nutzen Qualitäts- und Sicherheitsdaten als Entscheidungsgrundlagen und stärken damit eine lernorientierte Organisationskultur.
Gino Apollonio, Infermiere specializzato di medicina intensiva Gruppo ospedaliero Moncucco
Massnahmen zur Dekubitusprävention
Die Spitalgruppe Moncucco setzte sich 2021 zum Ziel, die Dekubitusraten in der Intensivmedizin zu senken. Gino Appolonio stellte das Care Bundle vor, das zu diesem Zweck entwickelt wurde. Das Präventionspaket umfasst folgende Elemente:
- Hautbeurteilung bei Eintritt
- Hygiene und Feuchtigkeitsversorgung der Haut
- Identifikation von besonders gefährdeten Körperstellen
- Vollständige Entlastung der Fersen
- Aktive Mobilisierung von Risikopatienten
Zum Care Bundle gehören auch umfassende Schulungen der Mitarbeitenden sowie die laufende Überwachung der korrekten Umsetzung der Massnahmen.
Das Care Bundle zeigte im ersten Jahr nach der Einführung noch wenig Wirkung, von 2023 bis 2025 gingen die Fälle mit Dekubitus aber deutlich zurück und lagen unter den in der Literatur angegebenen Prozentsätzen. Damit verbunden sanken auch die Materialkosten massiv. Diese Entwicklung war möglich, obwohl in dieser Zeit die Einweisungen auf die Intensivstation und die durchschnittliche Aufenthaltsdauer laufend zunahmen.
Für die Zukunft ist ein computergestütztes Instrument vorgesehen. Damit können die Lageveränderungen der Patientinnen und Patienten verfolgt werden , ohne dass diese manuell erfasst werden müssen.
Matthias Höfner, Leiter Stabsstelle SQE; Eileen Siemes, Mitarbeiterin Stabsstelle SQE; PZM Psychiatriezentrum Münsingen AG
Datenanalyse stärkt die Prävention
Das PZM erfasst freiheitsbeschränkende Massnahmen seit 2012 im Rahmen der ANQ-Messungen. Das von Matthias Höfner und Eileen Siemes vorgestellte Projekt hatte zum Ziel, die für den ANQ erhobenen Daten intern umfassender zu nutzen. Dies in der Absicht, mögliche Auslöser der Aggressionsereignisse besser zu erkennen und alternative Handlungsmöglichkeiten einsetzen zu können. Das Projekt umfasste unter anderem
- die lückenlose Dokumentation der freiheitsbeschränkenden Massnahmen im KIS
- die tagesaktuelle Publikation der Kennzahlen im Daten-Cockpit
Nach drei Jahren zeigen sich positive Entwicklungen: Trotz steigender Patientenzahlen und Aggressionsereignisse gingen die freiheitsbeschränkenden Massnahmen auf einer im Fokus stehenden Akutstation deutlich zurück. Das Cockpit hat sich als effektives Instrument zur automatisierten Erfassung freiheitsbeschränkender Massnahmen bewährt. Die umfassenden Auswertungen verbessern das Verständnis für die Auslöser von Krisen und liefern wichtige Erkenntnisse für Prävention und Betreuung.
Isabelle Montavon, Coordinatrice qualité sécurité patient; Corinne Wirth, Infirmière clinicienne; Frédéric Guibelin, Infirmier chef d’unité de soins; Réseau hospitalier neuchâtelois
Kommunikation als Schlüssel zur Patientenzufriedenheit
Ausgangspunkt des Projekts war die ANQ-Messung der Patientenzufriedenheit 2022 in der Rehabilitation. Die Analyse der Ergebnisse und ergänzende Telefoninterviews zeigten kommunikatives Optimierungspotenzial. Der Fokus des Projekts lag deshalb auf
- einer zielgruppengerechten Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten, insbesondere mit älteren Personen,
- einem besseren Informationsfluss von den überweisenden Stellen (Akutversorgung) bis zum Ende des Rehabilitationsaufenthalts.
In der Folge wurden verschiedene Kommunikationsmittel erarbeitet, um die Patientinnen und Patienten über ihren Reha-Aufenthalt zu informieren. Damit diese Information schon vor dem Reha-Eintritt erfolgt, wurden auch die Case Manager der Akutsomatik miteinbezogen. Zudem wurde ein Infomodul entwickelt, um die Reha-Mitarbeitenden in der Kommunikation mit älteren Personen zu schulen.
Das Projekt zeigte schon bald erste Erfolge: Die ANQ-Messergebnisse 2024 verbesserten sich deutlich, und in den eigenen Befragungen fielen die Patientenfeedbacks ebenfalls positiver aus.
Dr. sc. med. Gavin Brupbacher, Leiter Unternehmensentwicklung, QM & Forschung, Klinik Oberwaid
Vorhandene Daten bestmöglich nutzen
Gavin Brupbacher stellte ein noch laufendes Forschungsprojekt vor, das die ANQ-Messdaten 2015–2023 aus 12 Kliniken der psychosomatischen Rehabilitation analysiert. Im Zentrum des Referats standen die Fragen: Welche Faktoren erhöhen das Risiko eines Therapieabbruchs (Dropouts) und welche Faktoren beeinflussen die Symptomreduktion während des Reha-Aufenthalts?
Als Hauptfaktoren wurden Geschlecht, Alter und Diagnose identifiziert. So war das Dropout-Risiko bei jüngeren Männern mit einer Diagnose «andere Angststörung» am höchsten und die somatische Symptomreduktion bei jüngeren Frauen mit einer Diagnose «somatoforme Störungen» am niedrigsten.
Das Referat zeigte exemplarisch auf, wie vorhandene Routinedaten über die Ergebnispublikation des ANQ hinaus genutzt werden können, um relevante Verbesserungsimpulse für Behandlungsprozesse und -strukturen zu identifizieren.
ANQ-Day mit Komik & Comics
Begleitet wurde der ANQ-Day einmal mehr von Live-Cartoonist Jonas Raeber, der die Referate visuell zusammenfasste und sie beim Zeichnen ganz neu und unerwartet interpretierte.